Das Jahr geht zu Ende. Und mit ihm ein weiteres Stück Demokratie. Aber: Interessiert das überhaupt noch jemanden?
Das Jesuskind, die Bibel, die Barmherzigkeit. Selbst, wer übers Jahr keinen Fuß in irgendein Gotteshaus gesetzt hat, kann dem Fest der Liebe und seinen Vorläufern kaum entkommen. Lebkuchenherzen von der Liebsten schmecken besonders gut, wenn der steife Nordwestwind die ersten fetten Schneeflocken gegen die Fenster schleudert, wo sie satt schmatzend dem Sims entgegentriefen. Unten steht dann einer an den hundert Briefkästen und flucht, als ihm die Schmelze erst auf die Stirn, dann auf die Nase und schlussendlich auf einen Umschlag vom JobCenter trieft. Wo eben noch ein millimetergroßer Datumsstempel war, zerfließt jetzt nur noch eine Suppe mit Fettaugen staatlicher Überwachung obendrauf. Das Auge sieht den froschgrünen Zusteller um die Ecke enteilen, und der gibt Gas, damit ihm kein anderer Gewinner des Aufschwungs seinen untertariflichen Job streitig machen kann.
Kermit strampelt im Auftrag des Staates zickzack, weil er selbst nicht so recht weiß, ob er seiner Familie zu Weihnachten noch das Geschenk des Mindestlohns machen kann. Kann er nicht, gerade ist Müntefering zurückgetreten. Mit 67. Sehr verwirrend das, Frau schwer krank. Da kann man nichts sagen, außer ihm und überhaupt alles Gute zu wünschen. Irgendwie ist das ja auch nur konsequent von ihm, mit 67 in Rente zu gehen – da ist mal einer seinen eigenen Prinzipien gerecht geworden!
Nur, was soll der Bauarbeiter machen, dessen Frau ebenso schwer an einer furchtbaren Krankheit leidet? Oder der Müllmann, der seit dreißig Jahre die Tonnen schleppt, bis der Rücken schon mit Mitte Fünfzig schief und krumm ist? Können die einfach so nach Hause gehen, sich oder die Liebste pflegen, weil sie wissen, dass die Pension dicke reicht? Können sie nicht. Dumm für die SPD. War mal die Partei der Arbeiter und Unterdrückten. Tja, ist lange her.
Aber die Stützen der arbeitenden Gesellschaft können abends in den Nachrichten ein parlamentarisches Wunder bestaunen: Das Turbo-Gesetz!, Die Lichtgeschwindigkeit, in der es doch möglich ist, einen Gesetzentwurf innerhalb einer Woche erfolgreich durchs Parlament zu peitschen. Gerade recht zum Jahresende werden die Hartz-IV-Sätze erhöht. Entschuldigung, wir haben uns verhört. Es sind die Diäten der Abgeordneten, die in – immerhin – zwei Schritten um 9,4% erhöht werden. Das sind dann ab Januar 2009 ziemlich genau 7668,- € für jeden Abgeordneten. Plus noch tausend weitere Vergünstigungen, Zulagen und so weiter.
Na, muß sich niemand Sorgen um die demokratisch gewählten Volksvertreter und ihre Familien machen, da wird schon was unterm geschmückten Tannenbaum liegen. Nicht zu knapp! Übrigens auch für die, die das Gesetz abgelehnt haben: die Abgeordneten der FDP, der Linken und der Grünen.
Das Volk selbst, nun ja. Gibt schon noch ein paar Milliönchen, an denen das neue Wirtschaftswunder wie ein ICE vorbeigefegt ist. Die stehen stumm am Bahnsteig und warten auf einen Fahrplan, der ihnen den Weg aus dem Elend weist. Oder siebt der demokratische Sozialstaat genauso gnadenlos aus wie die Wirtschaft mit ihren kapitalistischen Überlebensphantasien? Oder hat der Staat als Marionette der Wirtschaft gar keine andere Wahl mehr, als genauso zynisch zu agieren?
Wer eine andere Erklärung hat, ist herzlich eingeladen, sie mir mitzuteilen. Aber bitte bedenken: Grundnahrungsmittel wie Milch, Butter und Brot sind in den letzten Wochen bis zu 30 % teurer geworden. Wohlgemerkt: Wir sprechen nicht von Hummerschwänzen, Parmaschinken oder Champagner. Wir sprechen von GRUNDNAHRUNGSMITTELN. Trotzdem wird von Seiten regierender Parteien eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze abgelehnt, mit der Begründung, man müsste doch erstmal eine Kommission einberufen, und das braucht Zeit. Bis dahin könnte sich aber was zusammenbrauen, und wie! Vielleicht fühlt sich der in der Scheiße Liegende zur braunen Kacke hingezogen, oder verweigert sich der Demokratie durch Verwahrlosung, geistiger wie körperlicher. Schöner Nährboden, das.
Es wird viel gekocht im Fernsehen, gerade im privaten. Wer als Betroffener bisher Rezepte für die armselige Weihnachtsküche und gegen einen deprimierend leeren Gabentisch vermisst hat, hier kommen sie! Mehr noch: ein Aufruf! Zieht euch warm und vor allem möglichst gut an. Denn wir sind keine Bettler. Wir wollen nur etwas Buntes auf dem Teller haben, vielleicht auch noch was für unsere Familien, kleine Geschenke, ein bisschen Wohlfühlen zu Weihnachten. Selbst die für ihre grandiosen Wohltaten berühmten großen Unternehmen lassen uns da auf breiter Front allein. Oder hat schon mal jemand was vom tollen Vodafone-Weihnachtsgans-Essen gehört? Oder vom gemütlichen Advents-Singen für Bedürftige bei Burda im Kreis seiner tollen Bambis? Selbst Volkswagen (!) schickt zu allen möglichen Events Flotten von Limousinen ins Land, leider nicht zu den Suppenküchen, JobCentern und den feurigen Parties in sozialen Brennpunkten.
Das ist dann doch zu nah, unbequeme Fragen, Menschen mit konkreten Anliegen, ach Gottchen. Da spenden sie lieber für afrikanische Kinder (schön weit weg!), Aids-Kranke (soviel Toleranz muß sein!) oder irgendeinen Flecken im Amazonas-Regenwald, den eh keiner kontrollieren kann. Alles zweifellos ehrenwert, aber leider zu durchsichtig.
Na gut, wenn keiner zu uns kommt, kommen wir zu ihnen! Also, macht euch auf, geht hin zur SPD, zu VW, zu BMW, zu Mercedes, in die Rathäuser, zu Chanel, Gucci und allen anderen, die was haben. Werdet freundlich vorstellig und verweist einfach darauf, dass der Staat kein Weihnachtsgeld verteilt. Verlangt höflich aber bestimmt nach Geschenken, die sie alle dicke gebunkert haben. Okay, kostet Mut. Aber ohne Mut keine Veränderung. Und wer sich alleine nicht traut, nimmt noch ein paar Gleichgesinnte mit, vielleicht sogar eine Kamera – Öffentlichkeit macht sich immer gut. Da kommen sie ins Schwitzen! Und sagt mir Bescheid. Ich komm mit!!
Aber passt auf! Unser wunderbarer, demokratischer Staat hat noch ein besonders garstiges Geschenk zum neuen Jahr parat, mit dem er sich praktisch selbst ein Stück mehr abschafft: das Vorratsdatenspeicherungsgesetz. Ist noch Zeit, das Unwort des Jahres zu küren? Wer vorgibt, mit so einem Terror den Terrorismus zu bekämpfen, der sollte sich tatsächlich mal die Bibel und die Zehn Gebote zur Hand nehmen. Warum? Nun, da steht: Du sollst nicht lügen! Also: Steigt auf die Spitzdächer der Weihnachtsmärkte und ruft die Wahrheit aus! Frohe Weihnachten wünscht euer Dichter!!
