Im Plattenbau des Alltags, Fünfer-Takt
April 11, 2008 von wolfhunger
Hier wollte ich schon immer hin, einen adrenalingespritzten Alltag finden
In neue Länder, des modernden Drecks überdrüssig
Hinein in die Wohnmaschinen des sozialistischen Vorzeigemenschen
Wo er Kraft sammeln sollte für die Maloche an stampfenden Ungeheuern
an 1000 Grad heißen Hochöfen, Chemie für das Wohl aller
Jeden Tag bereit, kleine Krater im Weltbild älterer Herren zu stopfen
mit Stahl, Beton, wahren Lügen und falschen Wirklichkeiten
Schrippen und Mettwurst am Morgen, mittags harte Währung Fleisch
um am Abend von einer Hässlichkeit in die nächste zurückzukehren
in den offenen Knast, wo die Zitzen von den Decken hängen
Direkt ins Maul spritzen sie die Milch, die wir alle saugen wollen,
Schnauze halten, kommt heutzutage halt nicht mehr umsonst
Zeiten ändern sich, bunte Kuh der Geschichte
hat nen neuen Namen: Freiheit! Freiheit! Statt Sozialismus!!
Oder auch: Kapitalismus. Erlösung, nahrhafte Proteine, wo sind sie?
Habe mich eingemietet in den Resthof aller Hoffnungen
Dieses Jahr neu: Retusche mit bunten Balkonen, schwarz, rot, gold
und ich mache es mir auf einem gemütlich, Bier und Zigarette im Anschlag
Bekomme zügig eine Ahnung davon, warum das Ganze
nicht funktionieren konnte, Geschrei oben und unten
Moskau hatte schon bessere Ideen, Mondflug mit Hund und Mann
Auf der Erde harren sie immer noch besseren Zeiten
Ob die jemals kommen? Die Hofffnung, die ausgelutschte Nutte
Ja, genau die, die wollen wir doch zuletzt sterben sehen
Arm in Arm mit dem Freier des Sonderangebotes, noch so ne Erlösungsnummer
Offene Zimmer strecken mir flehende Hände entgegen, nimm mich!
Bin ja schon vor Ort, genormte Gebäudeteile, Modell 73, 78, 86, 89
Spielen wir Quartett, komplett am Tisch versammelt, keiner schummelt!
Was habt ihr zu bieten, grün und blau geschlagene Frauen
Oder – viel, viel besser – hungernde Kinder, schon im Koma!
RTL ist live dabei, berichtet vor lustigen Diddel-Maus-Tapeten
Macht sich gut mit ahnungslosen Menschenklumpen davor
Vater, Mutter, Onkel, Tante, hab´s schon immer gewusst
Und solange die Fresse gehalten, bis endlich einer kam
Der mir Geld geboten hat, um den Wortsalat auszukotzen
Wo kommen wir denn hin, wenn wir selber das Maul aufmachen?
Hat damals und heute keine Sau interessiert
Wir? Wir können doch nicht den Fluß der Niedertracht aufhalten
Vielleicht unsere Gören, ja die dürfen laufen, rennen, weg, weg, weg
Geradewegs in die Arme der Sozialarbeiter und Seelenklempner
Können sich da richtig einkuscheln, flennen und bitten
Aber der Rettungswagen, der kommt doch nicht, nicht für uns
Ganz genau, ist nur die Seele, in der die Hauptschlagader platzt
Kann vielleicht noch der Verband der Betäubung helfen, den kennen wir schon
Der Weinbrand heißt jetzt anders, aber knallen tut er wie eh und je
Wen soll ich hier befreien? Von was? Multiple Geschwüre wuchern wie Unkraut
Der Hals kratzt, sobald er die Pestizide der Ohnmacht schluckt
Mir kommt´s allemal hoch, wenn ich sehe, dass sie lieber ins Sofa furzen
Genausowenig abbezahlt ist das wie die riesige TV-Kathedrale davor
Aus der es brüllt und blökt, zum Vergnügen der versammelten Schafe
Ich grabe, grabe, auf der Suche nach Verständnis, alte Tante Humanität
Meine Nachbarn grinsen vor lauter Unglück, noch ´n Bier oder nen Kurzen?
Gehe in die Knie, gebe mich geschlagen und saufe mit, was das Zeug hält
Hand in Hand feiern wir unsere Behinderungen, bauen statt Brücken Krücken
Sitze neben ner mausgrauen Jogginghosen und denke mir:
Designer-Jeans sind auch Scheiße
