Eine Fortsetzungsgeschichte, dritter und letzter Teil. Die ersten beiden erschienen in der März- und der August-Ausgabe.
Laßt euch eins sagen: Mit dem Schreiben Geld zu verdienen, das dauert. Gibt Abkürzungen, die heißen Vater oder Mutter Schauspieler, Schriftsteller oder alternativ beste Beziehungen, vorzugsweise auf hohem, finanziell abgesichertem Niveau. Auch hilfreich: Wunderkind, keinesfalls älter als 25. Nicht zu vergessen: besonders Schreckliches erlebt, der Nährboden medienwirksam bereitet vom Boulevard und dann ernten, ernten, ernten.
Der Dichter hat derlei nicht zu bieten, die Hauptstadt mit Kulturfürst Wowi dem Ersten keine anständige Künstlerförderung und aus Karlsruhe kräht das Verfassungsgericht: Schluß mit der vielen, unnötigen Kultur! Bleibt nur der Gang zum Topf, aus dem die dünne Suppe gelöffelt wird, die der Kapitalismus gerade so übrig hat für die Unnützen, die Aufdertascheliegenden, die nicht mehr Ausbeutbaren. Also auch für mich. Erstmal rankommen an die Almosen des Staates. In Berlin haben sie sich die gefühlt längste Telefonnummer der Welt geben lassen: 01801-00259303807. Hmh, bin ich der Einzige, der bei diesem Endloswurm an ultrateure Sex-Hotlines denkt? Aha, hier ist ein Sternchen hinter der Nummer. Wird mir bestimmt verraten, was mich ein Anruf kosten wird. Im Kleingedruckten verraten sie´s: Entgelt entsprechend der Preisliste Ihres Teilnehmernetz-Betreibers. Willkommen in Absurdistan!
Jetzt nur nicht vertippen bei den vielen Zahlen. Geschafft! Am anderen Ende der Leitung meldet sich eine freundliche Stimme mit frechem märkischem Akzent: Antrag? Schicken wir Ihnen sofort zu. Danke. Fünf Tage später ist er da, mit Datum einen Tag nach meinem Anruf. Ach so, private Post, billiger wohl. Frist bleibt jedoch die gleiche.
Fülle Zeile für Zeile gewissenhaft aus, nur keinen Fehler machen. Hosen runter, hilft ja nichts. Und ja nicht den Postweg gehen, lieber persönlich vorstellig werden. Wann mag die Schlange vor dem Club der Verlierer nicht bis zum Mond reichen? Ich entscheide mich für Dienstag Vormittag. Nachmittags werden generell keine Audienzen vergeben. Haben sie sich vom Papst abgeguckt oder so.
Es ist Sommer in Berlin, 27°. Mitte ist groß, mit Wedding dazu noch größer und irgendwo am Ende vom Ganzen hat sich das JobCenter angesiedelt. Monströs. Fahrtkosten? Nun machen sie mal keinen Aufstand! Schließlich sind wir das größte JobCenter Deutschlands, jawoll!! Könnse auch mal ein bisschen stolz drauf sein und bitteschön ohne Murren bis zur nächsten Straßenecke anstehen. Nach ner halben Stunde in der sengenden Sonne verfluche ich nicht nur den Staat, sondern auch den Sommer. Irgendwann bin drin, am Ende eines abgesteckten Parcours, der sich durch den stickigen Empfangsbereich windet, wo ein Konzentrat aus allen nur denkbaren menschlichen Ausdünstungen wie eine Wand steht. Schlangestehen, sehr anschaulich vermittelt. Woran erinnert mich das bloß? Auschwitz, nein, zu hart, vergast werden die Vergessenen selbst im reanimierten Manchester-Kapitalismus dann doch nicht. Viehgatter sind´s! Selektion der Reihe nach, kein Ausbrechen möglich, stoisch und brav anstehen wie ein Schaf. Scheren, melken, Schnauze halten!
Die meisten Schafe halten still, nur nicht unangenehm auffallen, könnte ja negativ ausgelegt werden. Geht überhaupt schnell hier mit der Einschüchterung. Auch ich füge mich dem Lämmerzug, schaue mich um, ob da nicht irgendwo Kameras lauern. Andere, offensichtlich Stammkunden, fühlen sich fast wie zu Hause. Über alle Abgrenzungen hinweg wird sich lautstark begrüßt, abgeklatscht, palavert. Oft in Sprachen, die ich nicht verstehe. Zwei, drei bedürftige Schafe vor mir dämmert eine käsebleiche, furchterregend abgemagerte Gestalt vor sich hin, und man ist schon ganz bange, dass dieses sich offensichtlich im Endstadium einer unheilbaren Krankheit befindliche Knochengerüst einfach zusammenfällt. Gerade musste er vom Hintermann angestubst werden, als unerwartet Leben in ihn fährt. Am Ende des Trecks hat er einen Typen entdeckt, der ebenfalls nicht übermäßig gesund ausschaut, aber stramm an seiner Bierflasche festhält. Über die Gatter fliegen ein paar Wortfetzen hin und her, und schon wechseln zehn Euro und eine Zehnerpackung Tabletten die Besitzer. Scheint niemanden zu stören.
Nach anderhalb Stunden stehe ich vor einem dickbäuchigen Einweiser, der überraschenderweise kein Bolzenschussgerät parat hat. Er winkt nur zum nächsten freien Platz durch. Frau hinter Schalter sieben: Alle Unterlagen dabei? Ja, alle. Gut, gehen Sie über den Hof zum Wartebereich für Erstantragsteller. Den Hof finde ich prompt, aber der ist verdammt groß und plötzlich ohne viehtriebartige Einzäunungen. Hinweise, Schilder? Abwesend. Da hinten, rechts von mir, ist reges Treiben, also hin da. Irrsinn, die ganzen Gänge. Hier und da computerausgedruckte Hinweise, versprengte Wartende, auf den Boden starrende Schafsgesichter, furchtvoll dem Schlachten durch einen übelgelaunten Sachbearbeiter entgegensehend. Kinder, die aus diesem Gefängnis davonlaufen wollen, Mütter, die sie tadelnd wieder einfangen.
Bin ich hier richtig? Da geht eine Tür im kafkaesken Gang auf, sieht aus wie ein Sachbearbeiter. Entschuldigung, bin ich hier richtig? Kurzer Blick auf meinen Warteschein. Knappe Antwort: Steht doch drauf, werden aufgerufen. Die Grundformen menschlichen Miteinanders scheinen hier außer Kraft gesetzt. Türen schlagen, ein vollzähliger Familienclan wandert in eine rein, kommt kurze Zeit später wieder raus, alle schimpfen, gestikulieren, unschöne Worte fallen. Höre so was wie erneut falsche Unterlagen, kein Geld und überprüfe fix noch mal meine Unterlagen. Komplett? Ja, weiß nicht, hoffentlich. Immer wieder diese Türen, aus denen Namen gebellt werden. Meiner, nein, neben mir steht ein älterer Mann auf, den ich schon für eine Skulptur hielt. Wie naiv, Kunst ist hier ebenso fern wie Menschlichkeit. Endlich bin ich dran. Im Zimmer sitzen zwei Figuren, die sich von denen auf dem Gang in nichts unterscheiden. Guter Mensch der ich bin, denke ich, die waren vielleicht auch mal und haben jetzt wieder Arbeit. Figur links bietet mir einen durchgefurtzen Stuhl an. Rechte Figur studiert eine Akte und rülpst herzhaft. Mahlzeit, sage ich. Nichts regt sich an ihm, keine Antwort, kein Lächeln. Doch ein Bronzeabguß des alltäglichen Wahnsinns?
Figur links geht gemächlich meine Unterlagen durch, goutiert sie und verspricht baldige Bearbeitung. Das sieht dann so aus: drei Wochen später ein Schreiben. Tonfall: Sie werden aufgefordert….haben eine Mitwirkungspflicht….sonst keine Leistungen. Und bitteschön die Frist einhalten! Unterlagen fehlen! Als wenn´s Hitler und die DDR nie gegeben hat.
Wieder hin, diesmal Freitag. Selber Viehtrieb, Stunde ausharren. Alle Unterlagen dabei, voller Hass, bereit zu allem, Kafka grüßt aus dem Grau der Gänge, Kinderkreischen, dann mein Name. Und – oho – sowas wie eine Erklärung. Da ist wohl was falsch gelaufen. Und meine Miete? Nächste Woche ist der Bescheid da, versprochen. Geld kam nächste Woche tatsächlich. Und dann drei Bescheide im Zwei-Tage-Rythmus. Das System spielt verrückt, ein einziger Fehler. So wie wir einer sind, der sich erdreistet, den Sozialstaat in Anspruch zu nehmen. Und der Preis dafür? Unsere Würde. Für ein bisschen Geld, das die Erfinder dieser großartigen Reform trotz Rauswurf ausm Amt, und rechtmäßiger Verurteilung immer noch minütlich im Schlaf verdienen, wenn sie ihre gut genährten Körper im Designer-Bett umdrehen. Vielleicht sollten wir auch mal ganz ungeniert zugreifen, wenn es um unsere im Grundgesetz verbrieften Menschenrechte geht. In einem der reichsten Länder der Welt, wohlgemerkt. Könnte ja sein, dass nicht nur das Geld ungerecht verteilt ist, sondern auch die Würde.
