„When the best of men take drugs, isn´t it the fool who doesn`t?“ Human League, 1981. „The drugs don´t work.“ The Verve, 1997. Ja, was denn nun?
Wenn ich am Wochenende mittags aus dem Fenster schaue, sehe ich Menschen, die nicht so recht ins Bild passen wollen. Schon gar nicht jetzt, im Winter, wo sie alle ins nahegelegene Einkaufscenter hasten, voller Heißhunger auf den goldenen Tempel der schnellen Befriedigung. Geld für Ware, Ware statt Liebe, Konsum als Droge. Kommen sie zurück, in jeder Hand drei Tüten mit dem Neuesten, was ihnen die Werbung entgegen gebrüllt hat, treffen sie auf diese merkwürdigen Gestalten. Und die, nun ja, sind wohl auch auf Droge.
Für Sekunden begegnen sich die dedopten Welten, beäugen sich gegenseitig voller Verachtung, Fraktion Media-Markt zieht kopfschüttelnd weiter Richtung Heimkino, Kampfgruppe Galaktika igelt sich wieder in die tageslichtresistente Höhle ein. Dunkel, schmutzig, laut. Man raunt sich zu: Ein Underground-Club, ein Underground-Club! Nach meinem Einzug habe ich mir wochenlang das seltsame Treiben gegenüber wie einen Film über die Gebräuche ferner Völker angeschaut und versucht, eine Struktur zu erkennen. Gar nicht so einfach! Man denkt sich, verwirft wieder, glaubt dann, aber auch noch nicht richtig. Große Neugierde baut sich auf und navigiert den Dichter zielsicher auf die einzig mögliche Ausfahrt: persönliche Recherche. Wenn ihr wirklich wissen wollt, was läuft, müsst ihr ran an den Braten. Also, lass ich mich reinfallen in das dunkle Loch und stell mich den finsteren Mächten.
Kaum schließt sich die Tür hinter mir, steckt mir ein Mädchen einen Fruchtgummi in den Mund, verbunden mit der freundlichen Bitte um fünf Euro Eintritt. Wo sind die Drachen, die Monster, die Zombies? Abwesend. Ich bin in einen Kindergeburtstag geraten, einzig die bösen Eltern fehlen. Alle lächeln, zappeln friedlich vor sich hin oder hocken zu dritt, zu viert als Knäuel auf ausgefurzten Sofas. An der Bar weiterhin Freundlichkeit und kleine Preise. In den schicken Clubs, wo gern die gesehen werden, die schon von Amts wegen ganze Armeen gegen die dämonischen Drogen auffahren, hätte ich schon einen lächerlichen Türsteher, ein paar agressive Ellbogenchecks und das unvermeidliche Szene-Model hinter mir, die mit arroganter Geste fast das Doppelte für nen Gin-Tonic verlangt.
Im Untergrund des Vergnügens ist alles easy, fast wie im Jugendzentrum, in dem ich vor vielen Jahren mein erstes Rendezvous mit Alkohol hatte. Hier wie damals erotikfreie Zone, betont ungezwungene Uniformierung in Converse, Kapuze und keiner-soll-mir-unter-den-Rock-gucken-können-Look.
Aber dann, schwartenfette Beats, da geh ich mal ein Zimmer weiter. DJ aus London! Oho! Leider hat er vergessen, ein paar Stilikonen aus der Themsestadt mitzubringen. Noch ´n Räumchen mit Sofas dahinter, zwei Schwule knutschen drauf. Kümmert niemanden, totale Toleranz. Da, aufm nächsten Sofa, endlich! Zwei komatöse Gestalten, zu nichts mehr fähig. Drogenleichen, erwischt! Ähnliches hab ich allerdings schon in vielen Kneipen gesehen, da waren zu viele Biere und Kurze im Spiel. Beobachte allerdings, dass sich auffällig oft Paare zusammenfinden und ins Obergeschoß stolpern. Da scheint´s zur Sache zur gehen! „Was´n da oben?“ frag ich einen Smiley neben mir. „Toiletten!“ Verstehe, könnte interessant werden. Stolper ebenfalls die enge Holzstiege hoch, anders kann man die nicht nehmen. Beim nüchtersten Gott von allen nicht!
Gibt Zeichen, die auf Geschlechtertrennung hindeuten. Nur, sie laufen wie die Ameisen hin und her, da kommen zwei Frauen von rechts, eigentlich Männerrevier, links drängen sich ein Mann und zwei nervöse Mädchen in die Kabine. In meiner Verwirrung spreche ich ein nachtgegerbtes Ledergesicht an, verstehe nicht, was er sagt, aber seine Hand auf meinem Arm meint: „Warte, gleich sind wir dran.“ Keine zwei Minuten später stehen wir in der feuchten Kabine. „Wie viel?“ fragen mich zwei Riesenpupillen. Jetzt nur nichts verkacken, erfahrenen Eindruck machen und kein offenes Feuer, um eine Explosion des menschlichen Dynamits mir gegenüber zu vermeiden. Wähle die Dichter-Nummer: „Weiste, bin nur hier, um über die Underground-Szene zu schreiben. Knallharte Recherche, leider ohne Kohle, so ´ne Art armer Künstler.“ Wildes Flackern in seinen Augen – ich bin geliefert! –, dann ein Lächeln, eine flinke Handbewegung und ein Papier entfaltet sich unter meiner Nase. „Für dich. Seh´ in deinen Augen, dass du ein guter Mensch bist.“ Was der alles sieht. Knallharte Recherche, kein Zurück. Rüsseln, hochziehen, Feuersturm in der Nase.
Komme vor dem Klo wieder zu mir. Ein Soziologie-Student fragt schüchtern: „Kannst du mich glücklich machen?“ „Tut mir leid, bin hetero.“ Sein verwirrter Blick verrät mir, dass hier jemand was missverstanden hat. Und das bin ich. Schalte schnell und verweise ihn auf das Keith-Richards-Lookalike. Später seh ich das Kerlchen dann zum Londoner Elektro-Beat bizarre Tänzchen aufführen. Sieht so Glück aus? Geld ist alle, also nach Hause. Gespräche sind mir leider nicht gelungen, sämtliche Interviewpartner haben spätestens nach der zweiten Frage kapituliert.
War dann 24 Stunden wach, eine Übersprungshandlung folgte der nächsten, Putzen, Kisten von links nach rechts und wieder zurück räumen, allerlei Freund angerufen, bei denen ich oft schon die erste Frage nicht seriös beantworten konnte. Fühlte mich wie ein Spielzeugäffchen, das unaufhörlich in die Hände klatscht, befeuert von Longlife-Batterien. Ja, ich war einer von den seltsamen Figuren, die ich immer von meinem sicheren Posten aus beobachtet hatte.
Die taumeln da immer noch am helllichten Tag raus, rennen todesverachtend über die Straße, mit rudernden Armen, Taxi! Klar, der Kater wird kommen. Wahrscheinlich brutaler als nach ner Bier-Sause. Sie werden´s wieder machen, jede Generation macht´s wieder, es wird Tote und Überlebende geben. Lösung, Ausweg? Warum? Es wäre schon viel gewonnen, wenn jeder von uns versuchen würde, das Feuerwasser des Konsums durch die Lust an allem zu löschen, was ihm gut tut. Liest, schreibt, malt, schreit, tanzt, verändert. Denkt radikal: Selbst anerkannte Wissenschaftler halten eine Drogen-Freigabe im Rahmen staatlicher Kontrolle für sinnvoll. Der Staat natürlich nicht, der braucht Feindbilder. Also, Freunde, bleibt clean oder auch nicht. Nur: Wachsamkeit zählt. Alltag, Staat und Repression sind harte Gegner, denen wir uns stellen müssen.
