Moment – das galt mal für Kuba und vielleicht noch für die Studenten von 1968. Heute verhüten selbst kritische Geister mit dem Kondom des Konsenz.
Es geschah irgendwann im Sonnenuntergang der 80er Jahre. Da legte sich die urdeutsche Firma Mercedes-Benz eine neue, freche Werbeagentur zu und pflasterte den Blätterwald der Illustrierten mit einer Anzeige, die auf ihre Art schon ziemlich visionär war. Doppelseitig funkelte ein wunderbares, silbernes 68er Mercedes-Coupé, wie neu und sofort startbereit in den großen eskapistischen Traum. Darüber die Headline: „Was ist bloß aus den 68ern geworden?“ Großer Erfolg, die Agentur bekam den Job für die nächsten 20 Jahre. Und wieder ein Sieg für den Kapitalismus. Warum? Weil der mit seiner Kohle es einfach drauf hat, die Köpfe der Kreativen einzukaufen. Oder was soll man davon halten, wenn der Intendant des Berliner Ensembles, Claus Peymann, sich bereit erklärt, für eine entsprechende Summe einen neuen Benz ins Foyer der ehrwürdigen Brecht-Bühne zu stellen? Verrat schreien, was sonst? Vorsicht! Nicht nur, dass Peymann mit der Kohle vom großen Autobruder die Inszenierung eines unbekannten Autors finanzieren möchte, die verdammt subversiv daherkommt, samt Kreuzigung eines hassenswerten Bank-Vorstands. Wir wollen obendrein nicht vergessen, dass genau dieser von uns allen verehrte Brecht in jungen Jahren einen schweren Autounfall hatte. 1929 war´s, und er krachte frontal in einen Alleebaum mit seinem Steyr. Stieg nahezu unverletzt aus und ließ sich wenig später lässig an dem Wrack lehnend fotografieren. Verbunden mit dem Werbeslogan: “Ein Steyr ist so sicher, dass man damit sogar einen schweren Unfall überlebt.“ Sein Lohn für die kleine Freundlichkeit gegenüber der Firma Steyr: ein neues Auto. Kostenlos vor die Tür des urlinken Aufklärers. In späteren Jahren ließ er sich übrigens nur noch chauffieren.
So gesehen passt auch ein weiteres Zitat vom unangreifbaren Brecht ganz gut: „Sozialist zu sein bedeutet nicht, Asket zu sein.“ Und wer erinnert sich nicht an die Saga vom nützlichen Idioten, den man gern benutzt, um übergeordnete Ziele zu verwirklichen? Mal was Böses tun, um Gutes zu erreichen! Was das alles mit den 68ern und Studenten überhaupt zu tun hat? Denkt mal nach, um was sich der Brummkreisel der Diskussionen seit Jahren dreht. Tauchen Fragen und Statements auf, wie der „Verkauf der Ideale“, der „Faschismus von links“ oder – noch bizarrer – Pamphlete wie „Der große Selbstbetrug“ vom Chefredakteur der Bild-Zeitung. Darin verbreitet Kai Diekmann die These, dass die 68er für so ziemlich alles verantwortlich sind, was in der wiedervereinten, bundesrepublikanischen Gesellschaft schief läuft. Hat der ein Glück! Leben wir doch in einer lupenreinen Demokratie, die selbst die widerlichsten Kreaturen von Journalisten ungeschoren davonkommen lässt.
Geschichte „68er“
Fällt euch was auf? Selbst nach 40 Jahren sind die 68er nach wie vor ein schlagzeilenträchtiges Thema in diesem Land. Die seriösen Fernsehsender überbieten sich in Sondersendungen und Dokumentationen. Immer wieder Benno Ohnesorg, Rudi Dutschke, nicht zu vergessen Rainer Langhans und Uschi Obermaier. Okay, meinetwegen auch noch Joschka Fischer. In jedem Fall könnte der Verdacht aufkommen, jede Bewegung braucht Köpfe genauso wie Märtyrer, Führer genauso wie Fußvolk.
Die Megaphone der Geschichte bestätigen diesen Verdacht sofort mit hohen Dezibelzahlen. Wir sollten alle rufen: zu Recht, zu Recht! Oder erinnert sich jemand von euch an die 73er, die 88er oder 95er? Ganz zu schweigen von den aktuellen Jahrgängen, die im Vergleich zu den 68ern wie eine wabernde, graue und amorphe Masse daherkommen. Dabei gäbe es auch heute genügend Gelegenheiten, wütend auf die Straße zu gehen. Mindeststudienzeit, Studiengebühren oder Elite-Gedanken seien hier mal als Beispiele an die Wand gesprüht. Was damals Vietnam war, könnte heute der Irak sein. Oder wie schaut´s mit dem Zynismus, der als parlamentarische Antwort in die Mikrofone gegreint wird, um der drängenden Frage der neuen Armut zu begegnen? Achtung, aufgepasst: was passiert, liebe Leute? Außer ein paar zaghaften Häuflein von Aufrechten nichts, nothing, niente.
Da kann ja selbst der gläubigste Optimist auf die altlinke Idee kommen, dass der moderne Student nur an sein kleines, kümmerliches Vorwärtskommen denkt. Besonders die BWLer oder die Medien- und Kommunikationswissenschaftler sind als Speerspitze fleißig dabei, sich schon heute als Elite von morgen zu sehen. In vorauseilendem Gehorsam eingeschüchtert vor den Toren von, sagen wir mal, Daimler-Benz, katzbuckeln sie bis zur Kniescheiben-OP. Oder vor der Deutschen Bank, Roland Berger und allen anderen Karriereschuppen. Mit einer frischen Angst-Impfung in den Venen versuchen sie wie die Karnickel, ihren eigenen Arsch zu retten, um ihn ein paar Jahre später in einem von der Deutschen Bank finanziertem Eigenheim zu wärmen. Keimfrei abgeschirmt von den Langzeitarbeitslosen, den Migranten-Gangs und der gelben Gefahr aus China. Oh, ich hab die Inder vergessen! Dumm nur, das ebendiese kommen werden, nicht als kleine Grüppchen, sondern als Armeen. Und sie kommen genau vor die Tür der alarmgesicherten Kleinbürger-Festungen, Fenster und Biografien werden bersten. Es wird knallen, liebe Leute! Und nicht nur da, auch in den intellektuellen Freihandelszonen, in denen es sich alle kritischen Geister gemütlich gemacht haben.
Geschichte „68er“
Warum das? Weil niemand von uns, niemand von den heute studierenden Stützen der Gesellschaft sich selbst reflektiert, keine nützlichen Idioten ausbeuten will (außer den eigenen Eltern vielleicht), keine Lust auf die Lust des Protestest oder seine Insignien hat: Sex durch Widerstand, Sex durch Veränderung, Sex durch Kampf. Nein, die neuen Studenten werden eines Tages Sex mit ihrem russischen Kindermädchen haben, überzeugte Anhänger von Schwarz-Grün sein und der Werbung eines deutschen Autobauers erliegen, der vom Führer über afrikanische Diktatoren bis zum Investmentbanker alle bewegt hat, die ungefähr so sexy sind wie Fußpilz. Moment, Moment, mein lieber Querkopf. Was ist denn – bitteschön – mit dem fetten 600er Mercedes von Fidel? Gottchen, könnt ihr euch doch selbst beantworten.
Wenn das schwer fallen sollte, kommt hier ein finaler Tipp: Geldwert, dennoch umsonst. Freiheit beginnt bekanntlich im Kopf. Gut, Philosophie für 50 Cent ausm Kaugummi-Automaten. Und Großmuttern hatte in ihrem Zimmer ein Holzschildchen hängen, auf dem stand: „Wenn du glaubst, es geht gar nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Sie wurde 101 Jahre alt und verbat sich seit ihrem 80zigstem jeden Besuch vom Provinz-Bürgermeister. Die alte Dame hat nie eine Uni von innen gesehen, aber dem Leben und allen Vorschriften sowas von Kontra gegeben, als wenn sie jahrzehntelang mit unzenschweren Boxhandschuhen gekämpft hat. Hoffe, der Startschuß ist jetzt gefallen. Laufen, laufen, laufen, kämpfen, kämpfen, kämpfen. Mehr Sex geht nicht.
